
Wie ein Mann die Geschichte seiner Stadt bewahrte
Gerhard Hertel (22. Juni 1924 – 5. Februar 2007) war mehr als nur ein Bewohner von Freudenstadt. Er war ein Finanzbeamter, Kommunalpolitiker und vor allem ein leidenschaftlicher Heimatforscher, dessen Lebenswerk untrennbar mit der Geschichte seiner Geburts- und Heimatstadt verbunden ist. Sein Engagement hat maßgeblich dazu beigetragen, das kulturelle Gedächtnis des Schwarzwaldortes zu bewahren und für zukünftige Generationen zugänglich zu machen.
Ein Leben geprägt von Widerstandskraft
Geboren als Sohn eines selbstständigen Kaufmanns, zeigte Hertel bereits in jungen Jahren ein ausgeprägtes Interesse für Geschichte. Doch der Weg zum Historiker war nicht geradlinig. Aufgrund der Erkrankung seines Vaters musste er seine schulischen Pläne aufgeben und eine kaufmännische Lehre beginnen. Diese wurde 1941 jäh unterbrochen: Trotz seiner Minderjährigkeit wurde Hertel zur Wehrmacht eingezogen und nach Moldawien versetzt.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kehrte er 1945 als Schwerbehinderter in seine Heimatstadt zurück. Trotz dieser schweren persönlichen Belastungen fand er schnell wieder Fuß im Leben: Er trat eine Stelle beim Finanzamt Freudenstadt an, die er bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1976 ausübte. 1948 heiratete er Irmgard Bässler, mit der er zwei Söhne hatte.
Der Motor der Heimatpflege
Was Hertel wirklich auszeichnete, war seine unermüdliche Arbeit für die Heimatgeschichte. 1974 war er Mitbegründer des Heimat- und Museumsvereins für Stadt und Kreis Freudenstadt. Als dessen Motor fungierte er bis zuletzt als zweiter Vorsitzender und Geschäftsführer. Sein Engagement war entscheidend für den Aufbau des Museums, das 1978 eröffnet wurde. Von diesem Zeitpunkt an leitete er das Museum als Kustos und sorgte dafür, dass die Geschichte der Region lebendig blieb.
Besonders hervorzuheben ist seine langjährige Tätigkeit als Redakteur der „Freudenstädter Heimatblätter“, einer Monatsbeilage der Tageszeitung „Schwarzwälder Bote“. Seit 1980 war er alleiniger Redakteur dieser Publikation, in der er unzählige Abhandlungen verfasste. Viele dieser Beiträge widmeten sich den Gründern der Stadt: Herzog Friedrich von Württemberg („Friedrich I.“) und dem berühmten Baumeister Heinrich Schickhardt.
Ein schriftliches Vermächtnis
Neben seiner praktischen Arbeit im Museum und im Verein hinterließ Hertel ein umfangreiches schriftliches Werk. Er verfasste mehrere Bücher sowie zahlreiche Aufsätze und Erzählungen, die sich fast ausschließlich mit der Geschichte Freudenstadts beschäftigten.
Sein letztes großes Werk erschien 2006: „Erlebnisse, Ansichten, Einsichten aus 80 Jahren“. In diesem Buch gelang es ihm, seine eigene Autobiografie nahtlos mit der Stadtgeschichte zu verweben. Damit schuf er nicht nur ein persönliches Dokument, sondern auch eine einzigartige Chronik, die das Leben in Freudenstadt über acht Jahrzehnte hinweg widerspiegelt.
Ein Abschied, der bleibt
Gerhard Hertel starb am 5. Februar 2007 in Freudenstadt, der Stadt, der er sein ganzes Leben gewidmet hatte. Sein Vermächtnis lebt jedoch weiter: in den Ausstellungen des Museums, in den Jahrbüchern des Landkreises, in den Heimatblättern und in den Köpfen all derer, die seine Geschichten gelesen haben.
Für alle, die sich für die Geschichte Freudenstadts interessieren, bleibt Hertels Werk eine unverzichtbare Quelle. Er war nicht nur ein Beobachter der Geschichte, sondern ein aktiver Gestalter des kulturellen Erbes von Freudenstadt.
Buchtipp:
Gerhardt Hertel
Erlebnisse, Ansichten, Einsichten aus 80 Jahren
Preis 10,00 €
Erhältlich beim Heimat- und Museumsverein (im Stadtmuseum/Stadthaus)