Zeitzeugenberichte

Die Nacht im Bunker – Erlebnisse eines Freudenstädters

Eindringlich schildert der Autor seine Erlebnisse während des Artilleriebeschusses von Freudenstadt am 16. April 1945. Früh am Morgen erreicht ihn die Nachricht, dass die Franzosen kurz vor dem Einmarsch stehen. In aller Eile sucht er mit seiner Frau Schutz im überfüllten Steinbruchbunker. Bald beginnt die Bombardierung der Stadt. Der Text beschreibt die beklemmende Enge, die stickige Luft, das Weinen der Kinder und die psychische Belastung in dem Schutzraum. Trotz der Angst und der körperlichen Erschöpfung bleibt ein Gefühl dumpfer Ergebenheit.

Freudenstadt. Am Morgen des 16. April um 5 Uhr wurden wir durch ein Klopfen an die Glastür geweckt. Ein Hausbewohner brachte die Kunde der Gegner stehe in Besenfeld und könne vielleicht schon in einer halben Stunde in die Stadt einrücken. Falls sie nicht kampflos übergeben würde, müssten wir mit einer Beschießung rechnen. Schleunigst wurden die Sonntagskleider, die am schnellsten zu erreichen waren, übergeworfen, das Luftschutzgepäck und etwas Essbares zusammengerafft und der Steinbruchbunker aufgesucht. Er war schon fast ganz mit Menschen gefüllt, viele hatten die ganze Nacht dort zugebracht. Gerade noch könnten wir einen Platz erhaschen. Kaum streiften die ersten Sonnenstrahlen die Baumwipfel des Hirschkopfes, da schwirrten schon die ersten Jagdbomber an und luden ihre verderbenbringende Last über der Stadt ab.

Gegen Mittag verstummte das Fliegergeräusch. Wir traten aus dem dunklen Bunker, geblendet vom hellen Licht des strahlenden Frühlingstages, und machten uns auf den Heimweg. Ringsum herrschte sonntägliche Ruhe, von Gefechtslärm keine Spur. Da – plötzlich eine gewaltige Detonation und aufsteigender schwarzer Qualm Die Eisenbahnbrücke auf der Strecke nach Baiersbronn fliegt in die Luft. Diese Heldentat wie auch die Zerstörung der übrigen Brücken der Umgebung hat die einzige Wirkung, dass wir auf Jahre von jedem Bahnverkehr abgeschnitten sind. Wusste man denn nicht, dass der Gegner bis ins letzte motorisiert war und unsere Bahnen gar nicht brauchte? Kaum hatten wir zu Hause einen kleinen Imbiss zu uns genommen, als schon wieder die flinken Jagdbomber über der Stadt erschienen und uns in den Keller trieben. Wie gewöhnlich heulten die Sirenen erst auf, als schon die ersten Bomben gefallen waren. Gegen 2 Uhr trat wieder Ruhe ein. Wir verließen den Schutzraum und wollten vor dem Hause die warme Frühlingssonne genießen. Da geschah etwas Unerwartetes ein kurzes Pfeifen und Heulen – und ein Geschoss schlug 50 Meter entfernt zwischen zwei Nachbarhäusern ein. „Das ist der Beginn der Beschießung durch Artillerie!! Entfuhr es mir unwillkürlich. „Der Wahnsinn feiert weitere Triumpfe.“ Ringsum schreckensbleiche Gesichter. Schon sind wir auf dem Weg zum Schutzraum, als das zweite Geschoss in der Nähe krepiert. Es forderte, wie sich später herausstellte, drei junge Menschenleben, Insassen des Schülerheims in der Straßburger Straße. Wird die nächste Granate unser Hei zerstören oder uns gar unter Trümmern begraben? Solche Gedanken und das Gefühl dumpfer Ergebenheit ins unabwendbare Schicksal liesen uns die Blicke zu Boden senken. Nach zwei langen Stunden schlug das Geschützfeuer ein langsameres Tempo an. Etwa alle zwei Minuten hämmerte in Geschoss, offenbar jetzt schwereren Kalibers, auf die Stadt ein. Nach einer weiteren Stunde trat Ruhe ein. Es traut ihr zwar niemand, immerhin atmete man erleichtert auf. Ist vielleicht die Übergabe der Stadt endlich doch erfolgt, oder will der Gegner Gelegenheit geben, sie anzubieten? Niemand kann diese Fragen beantworten. Und jetzt erhebt sich die drückendste der Fragen:

Aber wie anders sah der Weg aus! Vorbei an Häusern mit abgedeckten Dächern und klaffenden Löchern in den Wänden, über Schuttmassen und abgerissene Äste steigend, gelangten wir ans Ziel. Wenige Schritte vor dem Stolleneingang lag neben einem leeren Kinderwagen die Leiche eines jungen Mädchens, das Gesicht dem Boden zugewandt. Eine in der Nähe krepierende Granate hatte ihm das Leben ausgelöscht. Der Zugang zum Hauptraum des Bunkers war mit Menschen und Kinderwagen vollgepfropft. Seine linke mit Bänken ausgestatte Seite war schon den Tag über besetzt, auf de rechten standen die Menschen dicht gedrängt oder hockten auf Koffern und anderen Gepäckstücken. Sogar im schmalen Zwischenraum kauerten oder lagen Kinder in der Längsrichtung des Stollens. Nach ungezählten Puffern und Stößen fanden meine Frau und ich endlich auf der Stehseite eine Lücke von etwa einem halben Quadratmeter Größer – unser Quartier für diese Nacht. Unterdessen hat die Kanonade auf die Stadt wiedereingesetzt. In kurzen Abständen hämmerten mit erbarmungsloser Regelmäßigkeit die Spreng- und Brandgranaten auf die arme Stadt. Aus den erregten Gesprächen der Nachbarn war zu entnehmen, dass eine Reihe von Häusern in der Lossburger- und Alfredstraße und das Marktplatzes, als erstes die evang. Stadtkirche in Flammen stünden. Immer wieder kamen Boten aus der Stadt, die von neuen Brandherden berichteten. Schreckensrufe, Jammern und Wehklagen der Betroffenen, gemischt mit dem anwachsenden Geschrei der Kleinkinder und Säuglinge, erfüllten den Raum. „Jetzt haben wir nichts mehr, als das, was wir auf dem Leib tragen!“

Am Endes des Stollens, da wo er nach rechts in den Hauptraum abbiegt, stand ein Öllämpchen – die elektrische Leitung war längst zerschossen -, dessen Lichtlein schwächer und schwächer würde, nicht weil es ihm an Öl, sondern am nötigen Sauerstoff mangelte. Nicht weniger fehlte er den Menschen. Die Ausdünstung der Menschenmasse und viele andere Düfte raubten uns fast den Atem. Vergeblich versuchte der eine und andere ein Streichholz zu entzünden, denn das Totenlichtlein in der Nische hatte seine Seele ausgehaucht. Und draußen schritt das Verderben unaufhaltsam weiter. – Wenn auch die seelische Spannung die Körperkräfte für eine gewisse Zeit steigert, so ist doch dem Stehen auf einem Fleck eine Grenze gesetzt, vollends in dieser Atmosphäre. Als dann wirklich die Beine ihren Dienst versagen wollten, musste mein Rucksack uns abwechslungsweise als sitz dienen. Die Knie ans Kinn angezogen – für gestreckte Beine gab es ja keinen Platz -, angelehnt an die vom Wasser berieselte Felswand und von oben beträufelt von stetig aus Nase und Nacken fallenden Wassertropfen, so hockte man da und fand diese gewiss nicht beneidenswerte Lage noch als Wohltat.

Mit Zähigkeit schleuderte der Gegner seine Geschosse wieder auf die Stadt. Einmal schien ich beim Hocken in einen Dämmerzustand gefallen zu sein. Das Wimmern und Schreien der Kinder und das Krachen der Granaten schienen aus weiter Ferne zu kommen. Doch brachte mich der Gedanke an meine stehende Leidensgenossin wieder auf die müden Beine. Dieses Martyrium, zu dessen zulänglicher Beschreibung ich Dantes Feder besitzen müsste, dauerte im ganzen fünfzehn Stunden.

Welches Glück, dass auf dieser Erde alles einmal sein Ende nimmt! So auch diese Nacht. Es war irgendeine Änderung eingetreten, es fehlte etwas. Richtig, das Artilleriefeuer war verstummt. Ein schwacher Lichtschimmer am Stolleneingang kündigte den Anbruch des Tages an. Es war 6 Uhr. Hinaus aus der schwarzen, stinkenden Hölle, war unser nächster Gedanke. Eine mächtige Rauchwolke schwebte über der Stadt. Die nächstliegenden Gebäude schienen unversehrt zu sein. Die Vögel sangen auf den Kastanien wie im tiefsten Frieden. Noch nie im Leben hatte ich so empfunden, welche Wohltat das Gehen in freier Luft ist. Langsam wachten die Lebensgeister wieder auf. Man traf Bekannte und sprach über unser vermutliche Schicksal, das der junge Tag, in seinem Schoß barg. Zeitweilig flackerte wieder Geschützfeuer auf, jetzt in größerer Nähe. Die Abschüsse klangen hell und scharf. Obwohl die Geschosse nicht mehr auf die Stadt, sondern deren Umgebung gerichtet waren, hielten wir es für angezeigt, uns eine Zeitlang wieder in unsere Höhe zu verkriechen. Gegen 10 Uhr wurde es ruhiger. Plötzlich begann in nächster Nähe ein Maschinengewehr zu tacken. Auf dem linken oberen Rand des Steinbruchs hatte sich ein Schütze aufgepflanzt, der erste sichtbare französische Soldat, und feuerte eifrig in Richtung Kienberg. Uns Zivilisten ließ er unbeachtet. Mehr und mehr steigerte sich das Geräusch von Panzerwagen, und unversehens standen einige leichtere Wagen auf dem Platz vor dem Bunker. Freudenstadt war gefallen.