Zeitzeugenberichte

Erinnerungen von Helmut Ziefle, Igelsberg, niedergeschrieben am 8.6.2023

Helmut Ziefle berichtet als damals Achtjähriger von den Ereignissen in Igelsberg während des Einmarsches der Franzosen. Besonders prägend war für ihn der Bau und die Verweigerung der Panzersperre durch einheimische Männer, darunter sein Vater – ein Akt zivilen Widerstands gegen den sinnlosen Befehl. Ziefle schildert die chaotischen Tage mit eindrücklichen Erinnerungen: Kämpfe zwischen deutschen und französischen Truppen, die Räumung der Straßensperren durch die Zivilbevölkerung und die kindliche Neugier auf das Kriegsgeschehen. Er beschreibt, wie Leichen begraben wurden, wie Kinder verbotene Soldatengräber besuchten und welche Eindrücke all dies auf ihn machte. Der Bericht vermittelt sowohl die kindliche Perspektive als auch tiefe Einblicke in das lokale Kriegsgeschehen und die Lebenswirklichkeit in einem kleinen Schwarzwalddorf.

Helmut Ziefle, geb. am 12.07.1936

Am Tag zuvor waren meine Frau Heidi und ich in der Erinnerungsausstellung „Einmarsch der Franzosen 1945“ im Heimatmuseum in Dornstetten (siehe Zeitungsbericht Schwarzwälder Bote 27.05.2023)

Ich habe heute im Bericht von Gerhard Hertel nachgelesen und feststellen müssen, dass dort über einige Vorgange nichts niedergeschrieben bzw. festgehalten ist – die nur von den dabei gewesenen erzählt wurden oder die ich selbst erlebt habe und mit eigenen Augen gesehen habe. Zum Beispiel wie unser damaliger Lehrer Haug tot in der Igelsberger Kirche liegend. Wie weit die damaligen Ereignisse im Ortsarchiv registriert sind, weiß ich leider nicht.

Beispiel: Freudenstadt sei Lazarettstadt gewesen und zur freien Stadt erklärt worden und hätte deshalb von den Franzosen nicht mit Alliiertenbeschuss in Schutt und Asche gelegt werden müssen!

Hertel erwähnt ausführlich die „Gruppe Zöberlein“, deren fanatischen Widerstand bis zur Selbsttötung vor einer Gefangennahme – jetzt aber grundsätzliche Erinnerungen dazu- von dem was mir (allerdings als Bub mit 8,5 Jahren) in Erinnerung ist.

Eine Panzersperre wurde gebaut (von welchen Männern, weiß ich nicht) über die heutige B 294 ungefähr 200 Meter Richtung Freudenstadt zu mit stehenden Stammabschnitten ca 3 Meter hoch (ungefähr da wo die heutige Schmutzstraße von der Deponie Bengelbruck – Kälberbronner STräßle an die B 294 tangiert). Ein Aufnahmelager von senkrechten Stämmen auf beiden Straßenseiten – die waagerecht einzulegenden Stämme ca. 5 Meter lang wurden daneben gelagert! Wie die schweren Stammabschnitte damals von Hand eingebracht werden sollten – ohne Kran, den es damals nicht gab – mit vielen Männern – sonst unmöglich! An die Panzersperre mit danebenliegenden Stämmen kann ich mich noch erinnern. Die senkrechten Stämme waren mit Erde und Rasenteilen und Steinen angeböscht.

Auf jeden Fall wollte der Ortsgruppenleiter Lehrer Haug die Sperre schließen. Aber die Igelsberger Männer, die zuhause waren, haben sich geweigert mitzumachen. Es war gewagt, denn es war Befehlsverweigerung. Wenn die Deutschen (Parteibonzen) noch einmal zurückgekommen wären (z.B. mit einem Gegenangriff auf Besenfeld hätte das böse Folgen gehabt. Die Verweigerer waren: Mein Vater Herrmann Ziefle, geb. 1902, der wegen einer Magenoperation im Herbst 1944 zuhause war und der Lorenzenbauer (geb. 1898?), der Teilnehmer des 1.Weltkrieges war. Außerdem der Freyenbauer Paul, Johannes Wein, der Straßenwart und Fischer Fritz, der Totengräber. Auch Girrbach Fritz, Holzhauer und Waldschütz. Die Fremdarbeiter aus Polen und der Ukraine hätten natürlich auch mithelfen müssen! Schmied Bernhard Finkbeiner, Ernst Finkbeiner aus der unteren Schmiede, Wagnermeister Schatz, Altkronenwirt Kappler. Bürgermeister war Sägewerksbesitzer Willi Kappler. Sein Bruder Otto war im Krieg.

Ab der Panzersperre bis zur Abzweigung der Straße nach Obermusbach wurden in unregelmäßigen Abständen Bäume über die Straße gefällt von beiden Seiten und zwar in Brusthöhe abgesägt und nicht am Boden. Aber von wem? Ich habe dazu nichts erfahren. Es ist unwahrscheinlich, dass die Gruppe Zöberlein Sägen und Äxte und Keile von Bayern mitgebracht hatten, wo sie hergekommen sein sollen. Waren es andere Volkssturmleute oder die sich zurückziehenden deutschen Soldaten? Auf jeden Fall sind die vorrückenden Franzosen auf diese Hindernisse gestoßen und konnten Sie nicht beseitigen!

Ich erinnere mich noch gut, wie Panzerspähwagen – wurden sie genannt-  in Igelsberg von der Höhenstraße her einfuhren mit Aufsitzendender Infanterie. Das waren keine richtigen Panzer, die waren wohl gepanzert, haben aber vorne grobe Räder und nur hinten über die zwei Achsen Ketten. Also keine Bergepanzer, wie heute mit Vollketten und Rammschaufel vorne. Auf jedem Spähwagen war natürlich ein MG montiert.

Die französische Armee hat die Baumhindernisse nicht selber wegräumen können, sondern im Flecken durch den Bürgermeister und Schütz (Christian Ziefle, Amtsbote) alle Männer von 15 bis 70 Jahren zusammentrommeln lassen mit Sägen (Dreieckzahn) und Beilen. Die mussten die gefällten Stämme über die Straße grob entasten, in Stücke absägen und dann gemeinsam von Hand an den Straßenrand rollen. Das war eine schwere Arbeit, auch alle Polen und Ukrainer waren dabei.

(Fritz Girrbach hat einen Christbaum geholt für die Kirche und auf der Schulter heimgetragen im Schnee. Einige hätten an dem Baum rumgemosert. Der Fritz noa aber: „Ihr kommet mir grad recht, gehet on holat selber oin im Schnai!“)

 Und das unter dauernden Kampfhandlungen zwischen den französischen Panzerspähwagen bzw. Infanterie und der Gruppe Zöberlein an der Musbacher Straße. Über die Köpfe weg wurde immer geschossen, hat mein Vater erzählt. Bis heute ist deshalb auch so viel Splitterholz im Krähenhardt. Keiner wollte das nach dem Krieg kaufen.

Vater hat erzählt, sie wurden zum Teil mit den Spähwagen zu den gefällten Bäumen gefahren. DA sei der Lehrer Haug auch auf dem Seitentrittbrett gestanden. Auf einmal sei er nach hinten gefallen – Kopfschuss. Es wurde später auch gesagt, ob er nicht gezielt erschossen wurde, weil er zu den Fremdarbeitern so streng war! Aber französische Soldaten sind ja auch gefallen, wie viele, weiß man nicht genau. Es war eine ganz große Bewahrung, das nicht mehr Igelsberger ihr Leben lassen mussten! Unter diesen Bedingungen fortlaufender Kampfhandlungen.

Unser Lehrer Haug wurde tot zur Kirche in den Ort gebracht. Von wem, weiß ich nicht. Er wurde von den Igelsberger Männern in die Kirche gelegt ohne abgedeckt zu werden. Und war an der Stelle, wo heute die Treppe zum Aufgang auf die Kanzel ist. Ins Schulhaus zu seiner Frau und zu den zum Teil noch ganz kleinen Kindern wollte man ihn nicht bringen.

Wir Buben, nämlich Stollen Hans, Kronen Heinz, Stollen Karl, ich un mein Bruder Max, haben das spitzgekriegt, obwohl uns die Männer weggeschickt haben. Am folgenden Tag oder später haben wir uns doch in die Kirche geschlichen. Ich weiß noch oh Schreck im Halbdunkel, da lag unser Lehrer, vor dem wir auch immer „Schiss“ hatten, mit einem Einschuss in der linken Gesichtshälfte auf Nasenhöhe und hat seine kurzen hellen weißen Stupfelhaare in die Höhe gestreckt.

Altwagner Adam Schatz hat die Bretter zusammengenagelt. So haben sie ihn dann stillschweigend begraben. Im unteren Friedhofseck beim heutigen Geräteschuppen war ein Grab eines Polen und eines Säuglings, der geboren wurde. Sie durften nicht bei den Deutschen auf dem Friedhof liegen. Jetzt lag der Lehrer mit denen auf dem Friedhof, die er bedrängt hatte! Ich erinnere mich noch, wie die übrigen Fremdarbeiter Holzkreuz und Holzeinfassung mit einfachem Schnitzwerk an den Gräbern des Polen und des Säuglings angebracht haben.

Die Gruppe Zöberlein hat man Tage danach durch Waldschütz Fritz Girrbach sechs Tote gefunden, die zurückgelassen wurden. Sie wurden an Ort und Stelle vergraben. Dort lagen sie ca. zwei Jahre, bis sie auf einen Soldatenfriedhof umgebettet wurden. Wir Buben sind später zu den „Soldatengräbern“ im Musbacher Wald. Grobe Holzpfosten waren um die Gräber.

Auch interessant: in folgenden Wochen des weiteren Vorrückens der französischen Armee kahmen immer wieder ganze Kolonnen als Nachschub mit Jeep. Spähwägen, Lastwagen usw. Die Mutter von Karl und Peter Stoll, Schumacher (Marie geb. Sackmann aus Erzgrube) wohnte damals bei den oberen Stollen (Günther Müller) im zweiten Stock kleiner Dachladen Küche. Von da aus können wir Buben dann immer gesichert dem Treck zuschauen. Die sind dann immer an Webers vorbei auf den Wasen (direkt auf das heutige Drei-Generationenhaus) aufs Dorf zu gefahren. Sie haben sich Stunden oder Tage dort aufgehalten bis zum weitern Einsatz!

Wir haben hinterher den Platz abgesucht, nach Brauchbaren. Die ersten Amerikanischen Konserven mit Aufreißdeckel und Zigaretten. Aber auch Munition und Pulversäckchen. Eines haben wir am alten Wasserreservoir angezündet. Es gab eine Meterhohe Stichflamme. Dann kam Stollen Klare (Mutter von Günther) und hat mit uns geschimpft – was hätte alles passieren können!

Helmut Ziefle