Bericht von Frau Christel Born aus Frankfurt am Main
Christel Born, mit ihren Kindern nach Igelsberg evakuiert, erzählt sehr persönlich vom Einmarsch der französischen Truppen und den Tagen danach. Immer wieder beschreibt sie die Hilflosigkeit der Zivilbevölkerung, das Verstecken von Wertgegenständen und Nahrungsmitteln (wie z.B. das Vergraben von Kartoffeln im Wald), die Ungewissheit über das eigene Schicksal. Gleichzeitig gibt es auch Momente der Menschlichkeit, etwa durch französische Offiziere, die sich schützend vor Frauen stellten. Ihr Bericht ist ein bewegendes Zeugnis weiblicher Perspektive im Krieg.
Frau Born war mit ihren Töchtern Marianne und Ulla vom Oktober 1943 bis September 1945 in Igelsberg evakuiert. Herr Born war im Krieg. Auf den folgenden Seiten schrieb sie ihre Erlebnisse beim Einmarsch der Franzosen 1945 auf.
Auch unser friedlicher Schwarzwald ist nun nicht mehr frei. Immer näher kommt der Fein von Karlsruhe und Rastatt her. Bald hören wir, dass er in Wildbad und Enzklösterle sei. Franzosen und Marokkaner. Die Spannung und Aufregung wuchs von Tag zu Tag. Schon seit Wochen waren deutsche Soldaten im Dorf. Immer wechselten die Einheiten. Am Sonntag, dem 15. April zogen die letzten mit einem Pferdewagen fort, bespannt mit Ochsen von Bauern in Igelsberg, meist Verpflegungsdinge wurden mitgenommen. Wir bekommen auch noch etwas von den Soldaten. Wir gruben Kartoffeln im Wald un im Garten ein und sonst noch mehr. Immer näher kommt der Donner der Artillerie. Am Sonntag heißt es, der Feind sei in Besenfeld. Jagdbomber zerstören dort die Häuser, die zum Teil abgebrannt sind. Alle Gebrauchsgegenstände wurden in den Keller gebracht. Alte Koffer mit Wäsche, Kleidern und Lebensmitteln. Es wird mit Artilleriebeschuss und Jagdbomber gerechnet. Wir legen uns angezogen auf’s Sofa, die Kinder auf unser Bett.
Um 5 Uhr früh, am Montag, den 16. April beginnt Kanonendonner. Wir flüchten in den Keller. Das Dorf ist frei von Soldaten. Oben auf der Höhenstraße (B294) hat der Volkssturm (zivile ältere Bürger) eine Panzersperre angebracht. Bäume wurden links und rechts der Straße gefällt und auf die Straße geworfen. Als das Feuer nachlässt kommen wir wieder vom Keller heraus. Im Kartoffelkeller hat Familie Mast vom Jägersbauernhof, wo wir beherbergt waren, Familie Rademacher und ich die Habseligkeiten untergebracht. Im Mostkeller sitzen wir alle. Unsere gute Jägersbäuerin mit Paula, Else und Alwine. Paula ist als Rot-Kreuz-Helferin eingesetzt. Herr und Frau Rademacher, die aus Schlesien vor den Russen geflüchtet sind. Schwester Charlotte hat mit ihren Helferinnen im Schulsaal ein Feldlazarett eingerichtet. Die alte Oma ist auch da. Sie weiß allerdings nicht, warum sie da sitzen muss. Plätzlich ruft Frau Mast und Else: „Es kommen Autos die Höhenstraße herunter.“ Wir können es nicht glauben. Es schießpt heftig und wir bleiben im Keller. Auf einmal kommt Turbil, der Pole, und ruft uns zu: „Die ersten Panzerspähwagen sind im Dorf. Wir springen nach oben und richtig, da kommen schon die Panzer. Einer steht im Hof bei Hanswolfen. Franzosen und Marokkaner steigen ab. Mit Maschinenpistolen kommen sie in jedes Haus und durchsuchen es. Sie rufen in den Keller, ob deutsche Soldaten da sind. Paula kommt heim gerannt und sag: „Schnell weiße Tücher heraus. Das Dorf ist kampflos übergeben.“
Es ist ein herrlicher Frühlingstag und man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll. Ein Stoßgebet steigt zum Himmel empor, denn das Dorf steht noch, lieblich und friedlich wie in einer Spielzeugschachtel. Es wird kaum ein Dorf geben, in dem so viele Gebete in diesen schweren Tagen zu Gottes Thron gestiegen sind.
Nun kommen die Befehle! Waffen abgeben, Radio, Fotoapparat, Ferngläser. Meinen lieben Foto hatte ich vergraben; schweren Herzens grub ich ihn aus und gab ihn ab, denn das Ncihtbefolgen der Befehle zieht Todesstrafe nach sich. Der ganze Tag ist maßlos aufregend. Immer wieder ziehen Franzosen und Schwarze durch Keller und Häuser, suchen und rauben, was sie brauchen könne. Unser ganzes Hab und Gut ist im Keller, auch mein Koffer mit Wilhelm’s (Ehemann von Frau Born) neuer Brieftasche und seinem ganzen Geld 3000,- Reichsmark ! Wir alle sind mal aus dem Keller heraus, da geht ein Schwarzer hinunter, gleich zwei nach. Ich weiß es, nun ist alles verloren. Niemand wagt es, mit mir hinunter zu gehen. Wie gelähmt, stehen wir alle da. Nach einer Weile gehen wir dann hinunter. Ein Bild des Schreckens! Alle Koffer aufgebrochen, alles herausgerissen und auf die Kartoffeln geworfen. Mein ganzes Geld bis auf den letzen Pfenning fort, meine Armbanduhr, meine Verlobungsuhr, mein Füllfederhalter. Ich meine, der Boden brich tunter meinen Füßen. In Frankfurt alles verloren und hier meine ganzen Barmittel. Auch Frau Mast ihr ganzues Geld und ie Schreibmaschine von Schwester Charlotte haben sie mitgenommen. Wir fangen an, zu sortieren und hinauf zu schleppen.
Aber bald wurden die ersten schrecken abgelöst. Durch die Panzersperre kommt der Feind nicht weiter und eine Flut von Soldaten ergießt sich in unser Dörflein. Quartiermacher jagen uns alle aus dem Haus. Das Rote-Kreuz darf bleiben. Dann haben wir schnell ein rotes Kreuz an das Zimmer von Schwester Charlottes Tür gemacht. Sie war so lieb, uns alle in ihr Zimmer aufzunehmen. In mein Schlafzimmer stürzen fünf Franzosen. Einer schlägt sofort die Glaskugelleuchte vom Nachttisch mit seinem Gewehr entzwei. Mit ihren Dreckschuhe treten sie auf meinen Matratzen und frisch bezogenen Betten herum. Sämtliche Hühner von unserer guten Frau Mast werden gefangen. Was sie nicht fangen konnten erschossen sie, etwa 30 Stück. Ein furchtbarer Lärm! Überfall Autos, Soldaten, Hühnergeschrei, Schweine schrieben, weil sie unnütz gequält wurden vor dem Schlachten. Soldaten johlten. Wir flüchten wie verängstigte Hühner in Charlottes Zimmer. Zu essen brauchten wir nicht viel, es bleibt doch im Halse stecken. Wir können nicht einmal nach Jägers schauen. Sie sitzen alle in einer Küchenecke mit Pfeifle’s wo sie die Nacht verbringen. Alle anderen Räume, 10 Zimmer, 2 Küchen, Scheune Heuboden haben die Franzosen und die Marokkaner belegt. In den Küchen werden die Hühner gebraten, Hasen, schweinebraten und vieles andere.
Auf dem Hardt hat sofort nach der Übergabe des Dorfes die feindliche Artillerie ihre Stellungen bezogen. Sechs schwere Batterien feuern von 12 Uhr mittags und di eganze kommende Nacht hindurch auf Freudenstadt. Die Stadt hatte sich nicht übergeben, sondern war aufgefordert worden, sich zu verteidigen: außerdem trieben die „Wehrwölfe“ ihr Unwesen. Der Feind hatte nicht vor, diese schöne Stadt zu zerstören. Es wäre dies mit ihren Fliegern ein Kelines gewesen. Aber auch hier wird das Wort von Frau Kurz, …. Wahr: „Wenn wir verrecken müssen, müssen die andren mit verrecken“. Zwei Drittel der Freudenstadt ist Leidensstadt geworden. Und wie viel Menschen sind obdachlos und heiatlos geworden, wie wir. Warum? War es nötig, bei einer solchen Übermacht diese Opfer zu bringen? Oben auf der Höhenstraße tobt der Kampf. Volkssturm aus Bayern soll den Feind aufhalten. Viele von ihnen haben i Wald ihr Grab gefunden. Die Igelsberger älteren Männer müssen die Panzersperre beseitigen. Die Baumstämme ohne Geräte in kürzester Zeit entfernen. Ihnen auf den Fersen sind die feindlichen Panzer. Vor ihnen die duetsche Infanterie und der Volkssturm. Die Kugeln pfeifen durch die Luft. Die Männer leisten Übermenschliches. Sogar der alte Bürgermeister muss mit. Sie alle haben aber ihren Schutzengel. Nur Herr Haug , Lehrer in Igelsberg, der bis zuletzt noch an den Sieg glaubt und der irritierenden Idee die Treue hält, fällt von einer deutschen Kugel.
Wie steht in diesen Tagen Angst, Aufregung und Bangen in jedem Gesicht. Nicht nur die Männer, nein, auch die Frauen. Die Schwarzen vergewaltigen unsere Frauen und Mädchen in Dorf. Auch mich will ein Unhold mit vorgehaltenrer Pistole auf die Bühen zwingen. Eine halbe Stunde vorher durchsucht er die Wohnung, greift nach mir, ich renne fort. Dann kommt er wieder mit einem … und einer Pistole. Es war für mich der schlimmste Moment, denn ich wusste wohl, was mir bevorstand. Herr und Frau Rademacher waren hilf- und ratlos. Ich sollte mit auf die Bühne und deutsche Soldaten suchen. Alle meine Beteuerungen, dass kein Soldat da sei und sie nicht die Bäuerin sei, half nichts, ich musste mit; aber ich dachte, lieber soll er mich erschießen, als vergewaltigen. Ich rannte an ihm vorbei und schrie, so laut ich konnte nach Frau Mast. Unten steh ein Franzose, der wohl meine Rettung war. Er sprach mit dem Marokkaner und bald verschwand er. Die Schrecken lißen mich lange nicht zur Ruhe kommen. Wir schliefen dann alle in dieser nacht nicht i Haus aus Furcht, er könnte das dritte Mal kommen. Bei Frau Plößel schlefen wir alle auf dme Boden. In Freudenstadt sollen täglich über 100 Frauen und Mädchen vergewaltigt worden sie und im Krankenhaus Zuflucht gesucht haben. Frau Bölke ist todunglücklich! Herr Dekan aus Feudenstadt berichtet, dass Eltern erschossen wurdne, weil sieihre Töchter schützen wollten. Frau Mast flüchtet mit ihren drei schönen Töchtern zu Pfeifles, weil hier unser Haus beschlagnahmt ist. Dort ist eine große Zahl Schwarzer, deshalb suchen alle bei Daniels (Philip Mast) Zuflucht, die auch drei Töchter haben. Elektrisches Licht haben wir schon lange nicht mehr. Bei eintretender Dunkelheit erscheinen 14 Schwarze. Holen ein Mädel nach dem anderen heraus und vergewaltigen es. Vater und Mutter werden zur Seite gestoßen. Paula und Alwine haben sich unter dem Tisch versteckt und werden gottlob nicht gefunden. Else sitztauf dem Sofa und Frau Mast setzt sich auf sie. Sie bekommt zwar von einm Schwarzen eine kräftige Ohrfeige, bleibt aber verschont. Endlich kommt ein Franzose, der sofort den Kommandanten holt. Ein Befehlt und alle Unholde verlassen fluchtartig das Haus. Zum Glück werden unsere drei verschont. Mittwoch früh kommen Mast’s von Daniels und wir von Plößels. Alle sind tief unglücklcih udnäußern den Wunsch, doch lieber erschossen zu werden.
Mittwoch, 18. April kommt neue Einquartierung. Zwölf Franzosen und drei schwarze wohnen unten bei Mast’s. Sie sind verhältnismäßig anständig. Dass sie ihre heißen schwarzen Kochtöpfe auf unsere guten Tische stellen, Stühle und Betten beschnutzhen, regt uns nicht mehr auf. Wir sind dnakbar und froh, wenn sie uns in Ruhe lassne, nicht stehlen und plündern. Im …idelhaus ist Hochbetrieb, denn Else, Alwine und Paula müssen den Franzosen die gestohlenen Stoffe, die sie nach Hause schicken wollen, in weißes Leinen einnähen. Sie bkeommen dafür in Pforzheim gestohlenen Schmuck u.a. Abends schließen wir unten unsere Türe zu. Die vier Mütter und die Ahne kommen in mein Schlafzimmer und Frau Pfeifle mit ihren vier Kindern in Swohnzimmer. Sie sind da oben alle zusammen, und lassen die Gesellen da unten hausen. Leider geht am Donnerstag der nette Kommandant, ein französischer Oberstleutnant wieder fort. Bei ihm fand die Zivilbevölkerung Unterstützung und Gehör. Er sagte Frau Seid, bei der er wohnte, er sei froh, dass dieses Dorf noch stünde. Es hätte ihn einen sehr guten Eindruck gemacht, als er mit dem Panzer eingefahren sei. Die gesamten Einwohner mitsamt ihrem Bürgermeister scheinen eine geschlossene gute Gemeinschat zu sein. In diesem Dorf wehe ein besonderer guter Geist. Als er mit Frau Seid mit ihren Kindern singen und Beten hört, freut er sich. Als einmal wieder große Klagen an sein Ohr kommen, erzählt er von einer Begebenheit aus Südfrankreich. Die deutsche Bevölkerung brauch sich nicht über den Hass der Franzosen zu wundern. In den Kriegsgebieten in Frankreich würde er kein einziges Dorf wie Igelsberg in dem Zustand antreffen. Die Deutschen hätten furchtbar gehaust. Am weißen Sonntag drang die SS in ein Dorf ein. Alle Männder wurden in den Wald geholt und dort erschlossen. Die Frau vergewaltigt in der Kirche mit Benzin übergossen und dann die Kirche angesteckt. Ein sechs Jahre altes Kind an die Kirchtentür ….. Solche Geschichten hört man fast täglich, so dass man sich schämt, ein Deutscher zu sein.
Frau Böhmer, die Frau eines Rechtsanwalts, holt auch einen französischen Offizier um Schwarze im Haus los zu werden. Der Offizier antwortet ihr: „Nicht weil ich Mitleid mit ihnen habe, komme ich, denn durch die deutschen Soldaten verlor ich mein einziges Kind, sondern aus Menschlichkeit.“
Am Samstag, den 21. April rücken diese Truppen wieder weiter und es bleiben nur 2 Franzosen als Wache da. Wir dürfen morgens vor 6 Uhr und abends nach 20 Uhr das Haus nicht verlassen und nur 3 km im Umkreis uns entfernen. Sobald ein Auto anfährt, bekommt man Angst, denn man weiß nie, wer wieder geholt werden soll. Die Lebensmittelversorgung ist augenblicklich für uns sehr gut. Alle Bauern schlachten schnell, denn die Vorräte wurden gestohlen. Milch wird keine abgeliefert. Wir haben also Milch und Butter genügend. Eine Kuh wird für die Um… geschlachtet. Ich bekomme 7 Pfund Fleisch, was ich sofort einweckte. Frau Mast schlachtet samstags ein Schwein, um ihre Vorräte aufzufüllen. Es geht uns gut, denn wir sind immer alle eingeladen. Auch ein Schaf wird schnell geschlachtet, denn die Franzosen essen gerne Schaffleisch. Meine Viezucht hat somit ein schnelles Ende gefunden. Die Wolle kann ich wenigstens verwenden und bin dafür froh.
Ein schönes Erlebnis möchte ich nocht festhalten. Am Sonntag, 15. April, als die letzten Deutschen Soldaten abzogen, mussten 10 Ochsen gestellt werden im Dorf, die die Wagen wegbringen sollten. Sie wurden von den Polen geführt, die bei den Bauern gearbeitet haben und nun unterwegs von den Franzosen gefasst und nach Karlsruhe gebracht wurden. Die Ochsen wurden ihrem Schicksal überlassen. Sie rissen sich los und fanden von Glatten den Weg allein nach Igelsberg zurück. Einer wurde unterwegs von den Franzosen gefangen und geschlachtet. Im ganzen gesehen, können wir trotz allen traurigen und aufregenden Erlebnissen nur dankbar zu Gott aufblicken. Unser Dorf steht noch.