Zeitzeugenberichte

Brief von Friederike Haller (30. Mai 1945)

In einem Brief an ihre Kinder, die sich in Sicherheit befanden, berichtete Friederike Haller von den dramatischen Umständen in Freudenstadt während und nach der Eroberung durch die französischen Truppen. Sie war mit einem Fuhrwerk auf der Flucht in den Wald, flüchtete aber in einen Keller im Tal, als die Flieger anfingen, die Stadt zu bombardieren. Mit großem Mut kehrt sie trotz Artilleriebeschuss und Maschinengewehrfeuer in die Stadt zurück und berichtet detailliert von der systematischen Zerstörung.

Am Sonntag, 15. April, fing es an mit den Fliegern in der Hirschkopfstraße. Auch in der Alfredstraße sind viele Bomben gefallen und haben viel Schaden verursacht. Und schon zu der Zeit sind viele Leute in den Wald.

Am Montagmorgen (16. April) um fünf Uhr rief Frau Günter: „Hausfrau, schnell steht auf, die Stadt wird verteidigt, der Landsturm musste in der Nacht in Hüttenteich Stellung nehmen“. Ich habe meinen Stall versorgt und meine Kühe eingespannt, ich tat Futter fürs Vieh und einige notwendige Sachen auf den Wagen, denn wir wollten auf den Finkenberg. Als wir bei Talwirts waren, kamen die ersten Flieger und haben die Stadt bombardiert. Mein Fuhrwerk ließ ich stehen, wir flüchteten in Talwirt‘s Bierkeller, wo schon viele Leute waren. Um 13 Uhr ging ich in die Stadt und brachte ins Gasthaus Ochsen die Milch. Als ich bei Wagners war, setzte die Artillerie ein. Ich kann euch sagen, das war ein Schrecken, so ungefähr eine viertel Stunde war ich im Ochsenkeller und als ich herauskam, brannte schon die Stadtkirche, auch brannte es hinter der Rose und die Malzfabrik.

Ich half beim Döte Sachen retten, dann fing Dreher Hubers Haus an zu brennen, da war kein Mensch daheim, denn die meisten Leute waren fort. Gleich darauf brannte Schwarze Marie ihrs, und dann Glasmachers, dann Drisslers, dann fing Zeebs an, dort wollte Seeger Karl und Kuppel Richard löschen, da kamen Flieger und in einer Sekunde lag das ganze Doppelhaus wie eine Streichholzschachtel auf dem Haufen, die beiden kamen wie durch ein Wunder mit schweren Verletzungen davon. Andere dafür starben in den Trümmern.

Am Dienstagmorgen (17. April) besorgte ich wieder den Stall, habe die Milch gekocht und machte bei Talwirts einige große Hafen für die Leute, denn keiner wagte sich aus dem Keller. Marie sagte mir, sie habe keine Wäsche mehr für die Kinder, so holte ich das Wägele und bin halt wieder die Stadt herauf, aber dieser Anblick, unter den Bögen ein Flammenmeer. Als ich gerade den Verschlag mit der Wäsche öffnen wollte, setzt ein Maschinengewehrfeuer ein, dass ich – sonst mutig – ratlos dastand und einen Augenblick nicht wusste, was beginnen. Weit und breit kein Mensch über mir und neben mir, hüben und drüben überall prallen die Kugeln ein. Dann fand ich die Fassung wieder und holte das Körbchen. Ich kam bis zu Töpfers, dann war ich erschöpft und ging dort in den Keller, noch ganz kurze Zeit, dann war es ruhig. Man hörte Motorengeräusche. Die Franzosen waren da.

Ihr meine Lieben könnt euch wohl kein Bild machen, was wir in diesen Tagen und Nächten durchgemacht haben. Es war furchtbar, alle Leuten sagen, sie haben es sich arg vorgestellt, nur so schrecklich nicht. Mit den Lebensmitteln ist es bei uns ganz schlecht bestellt, wir bekommen in der Woche 100 g Fleisch, 1000 g Brot und 62 g Butter und sonst überhaupt gar nichts.

Wenn ihr einmal wieder herkommt, werde ihr unser Freudenstadt nicht mehr erkennen, unter den Bögen steht als einziges das Dekanatshaus, von der Ringstraße zum E-Werk. Alle Straßen sind vollständig weg bis auf ein Haus in der Klein-Rheinstraße. Im Kirchenviertel, Rosenviertel, Rathausviertel, nicht ein einziges Haus steht mehr.

Meine Lieben! Dieser Brief ist für euch alle, und es wäre mir recht, wenn ich ihn einmal wiederbekommen könnte, denn das ist eine Erinnerung für mich.


Nicht nur eine Erinnerung für Sie, liebe Frau Haller, liebe Zeitzeugen, nein auch eine sehr wichtige und eindrückliche Erinnerung für uns, die wir nicht dabei waren und nur so, wenn auch nur annähernd, verstehen können, was Sie in diesen Tagen erlebt und erlitten haben.

Lassen Sie uns gemeinsam beten!

Das Versöhnungsgebet von Coventry

Vater, vergib.
Den Hass, der Rasse von Rasse trennt,
Volk von Volk, Klasse von Klasse.

Vater, vergib.
Das habsüchtige Streben der Menschen und Völker,
zu besitzen, was nicht ihr eigen ist.

Vater, vergib.
Die Besitzgier, die die Arbeit der Menschen ausnutzt
und die Erde verwüstet.

Vater, vergib.
Unseren Neid auf das Wohlergehen
und Glück der anderen.

Vater, vergib.
Unsere mangelnde Teilnahme
an der Not der Heimatlosen und Flüchtlinge.

Vater, vergib.
Die Sucht nach dem Rausch,
der Leib und Leben zugrunde richtet.

Vater, vergib.

Siehe auch
Ausstellung und Führung im Luftschutzbunker
Alte Fliegerbombe taucht wieder auf
Lesung im Stadthaus